Gescheitertes Mobilitätskonzept 7: Mini-El City – 36 Volt

War das jetzt überraschend? Es gibt nicht so viele davon – manche habe ich dennoch in Wuppertal schon gesehen, auch hatte Gerald welche vertrieben, aber so richtig der Knaller schienen die Dinger ja nicht gewesen zu sein. Ich habe mich gefragt: warum? – und am Besten: ich probiere es selber aus – ich liebe das Lernen aus Schmerz … oder so.

Aufgeklapptes City-El

„So mein Sohn: in einem halben Jahr darfst du das fahren!“ „Na, ganz toll, Papa – ganz toll“

Mini-El City

Das dreirädrige Leichtfahrzeug mit Elektroantrieb ist ein Kind der 1980er Jahre. Ein Mensch (mit 1,80 m Körperhöhe sitze ich bequem darin) wird mit ein bisschen Gepäck (Ablagefläche im Kofferraum darf 38 kg tragen) trocken von A nach B gebracht. Vorrausgesetzt: es ist flach da draußen – dazu später mehr.

Die Batterien

Das Sinclair C5 wurde mit einem 250 W-Waschmaschinenmotor und einer Autobatterie angeschoben. Im Mini-El werden drei Autobatterien genutzt um ordentlich Gewicht auf die Hinterachse zu bekommen – nein – um einen 2,1 kW-Motor zum Drehen zu bewegen. Die Batterien werden in Reihe geschaltet und somit beträgt die Fahrspannung  also 3 x 12 = 36 Volt. Zum Vergleich: der 3-sitzige Elektrabi hatte 120 Volt Fahrspannung aus 10 Batterien.

Die Kapazität einer Batterie beträgt 100 Ah x 12 V – das sind 1200 Wh – bei einem Akkugewicht von je 22 kg sind das Insgesamt 1200 Wh / 22 kg = 55 Wh / kg

Und das sind die Blei-Akkus mit den dünnen Bleiplatten drin, die keine 10.000 km im Mini-El überleben sollen … eher so 2.000 km. Die, die vorgesehen waren, und noch in Gabelstaplern oder anderen Flurförderzeugen verwendet werden, nennen sich Traktionsbatterien und sind noch schwerer, weil die Platten dicker sind (also etwa 35 kg / Batterie = 34 Wh/kg). Aber es hat sich in den letzten 30 Jahren ordentlich was in der Batterie-Technik getan – im Vergleich mit meinem Pedelec-Akku ist das deutlich:

13,4 Ah x 36 V = 496 Wh | 496 Wh / 2,8 kg = 177 Wh / kg

Kein Wunder, dass die Reichweite so bescheiden war. Hey, aber heißt es nicht, dass quasi 65 % der Fahrten im Umkreis von 15 km mit nur 1 Person im Auto stattfänden? Müsste es nicht so sein, dass das Gerät dem Handel aus den Händen gerissen werden müsste?

Naja, es müsste ja zugegeben werden, dass genau das der Haupteinsatzzweck ist: Kurzstrecke alleine. Da wird aber eher der Landrover mit Sandblechen vor die Haustür gestellt, um sich den Anschein des Weltreisenden zu geben, als einmal zu reflektieren, wie albern das ist.

Allerdings ist leider auch nicht von der Hand zu weisen, dass die Wahrscheinlichkeit mit einem Landrover oder sonstigem SUV übersehen zu werden, relativ gering ist. Und wo alle in die Höhe bauen, werden die unten halt nicht mehr gesehen (so ein – zwei Autos vor einem). Ein Grund weshalb .. moment … ich muss grade lachen: das Liegerad hatte ich zu einem gescheiterten Konzept erklärt, bevor ich die Reihe offiziell begonnen hatte … auch Liegeräder in dem zugeparkten Wuppertal immer damit rechnen müssen nicht gesehen zu werden und Aufrecht-Rad-Fahrer*innen immerhin sehen können, dass sie übersehen wurden und darauf reagieren.

Das Fahren selbst

Diagramm

Erreichbare Geschwindigkeit in km/h auf der Y-Achse – auf der X-Achse die Steigung der Strecke in Prozent

Mini-El auf Main-Brücke

Mini-El mit vermutlich stärkerer Motorisierung – sonst wäre kein normales Kfz-Kennzeichen dran (Gesehen auf der Tour nach Würzburg – die letzte Produktionsstätte ist da in der Gegend)

Also? Wie fährt das Dingen denn nun? Bescheiden würde ich das nicht mehr nennen wollen. Es ist in Dänemark für Dänen entwickelt worden – so scheint es. Es rennt auf der Ebene 45 km/h. Die plattgestandenen Reifen forderten viel von den Stoßdämpfern und der vom Vorbesitzer nachgerüstete Kettenantrieb legte die Benutzung von Gehörschutzstöpseln nahe. Aber in Wuppertal brauche ich ein bisschen, um erstmal auf eine ebene Fläche zu kommen. Und hier kommt die Hauptursache des Scheiterns: die nicht stattfindene Kraftentfaltung am Berg. Elektromotoren beschleunigen linear von unten raus. Das ist geil, wenn viel Kraft da ist. Leider ist es nicht nur so, dass diese Kraft fehlt, sondern dass auch die vorhandene Kraft auch noch geschaltet werden muss. In diesem Falle von sogenannten Schützen. Das sind Relais für Starkstrom. Starkstrom hat die Eigenschaft Wärme in den Leitungen und Schaltern zu erzeugen. Diese Schütze altern und backen dann einfach zusammen. Ende der Testfahrten nach etwa insgesamt 25 km: Am Berg bei 11 % Steigung kleben geblieben. Fertig. Aus.

Vorher konnte ich jedoch auf den Fahrten zusehen, wie die Geschwindigkeit einen an Steigungen verließ. Es gibt hier viele Steigungen und somit auch manche Gelegenheit, der Tachonadel (oder den grünen Lämpchen) beim Sinken zuzuschauen. UND NICHTS TUN ZU KÖNNEN! Das hatte mich ja auch auf dem Mofa am Berg aufgeregt. Da sitz‘ ich drauf und das Dingen wird immer langsamer und langsamer und ich kann nichts tun, damit es schneller fährt! Gut, bei dem VW-Bus habe ich inzwischen auch Bekanntschaft mit dem Bodenblech gemacht, aber da kann ich ja wenigstens einen Gang zurückschalten. Das Elektroauto hat keine Gangschaltung.

Wirkung auf andere Menschen

Ich hab mir jetzt ein Mini-El organisiert.

Ein bitte was?

Ein City-El! Kennst Du nicht dieses 1-Personen-Elektroauto aus den 80ern?

Nö.


Herrje. Gut, vom Alter der Kollegen sollte ich nicht auf das Interesse an alternativen Mobilitätsformen schließen.

Was ist das? Ist das ein Schaltwagen oder ein Automatik?

Das hat kein Getriebe.

Kann ich mich da mal reinsetzen?

Bitte.

Und mein Kumpel auch?

Ne, geht immer nur einer.


Bei meinem ersten Ausflug wurde ich bei der Ankunft bei einem Freund, der dann doch leider nicht da war, von vier Jungs aus seiner Nachbarschaft umringt. Die waren ganz süß – sie liefen bei meiner Abfahrt bis zur nächsten Ecke neben mir her und schlugen lachend Rad – dabei filmten oder fotografierten sie sich und das Auto ständig. Ich weiß auch nicht, in welchen Apps ich da gelandet bin.

Rechtliches

Als Leichtfahrzeug mit der Spitzengeschwindigkeit von 45 km/h bedarf das Fahrzeug nur ein Versicherungskennzeichen, um am öffentlichen Straßenverkehr teilzunehmen. Da das Versicherungskennzeichen immer jährlich ab dem 1. März gilt, wird es bei einem Versicherungsvertragsabschluss weiter im Jahr nur anteilig bezahlt.

Versicherungskennzeichen

Gleichfarbige Versicherungskennzeichen – hätte ich mir glatt die 18 € dafür sparen können…

Legal gesteuert wird das Gerät mit der Führerscheinklasse AM – wem die Klasse nichts sagt und Auto fahren darf, darf das Dingen auch fahren. Vorrausgesetzt, er/sie schafft es in eine bodennahe Badewanne einzusteigen – und sich wieder aus ihr zuerheben. Der Schwerpunkt ist tief und das Fahrwerk gutmütig genug um mitzuteilen, wann eine Kurve zu scharf eingefahren wurde um das Kippen durch Abbremsen vermeiden zu können, es ist eben kein Reliant Robin.

Laden

Das Fahrzeug braucht keinen Starkstromanschluss um geladen zu werden. Ein einfacher Schukostecker mit Lichtstrom (230 Volt) reicht. Das geht auch mit einem handelsüblichen Verlängerungskabel oder Kabeltrommel. Zur Not könnten die Auto-Batterien (die in Wirklichkeit Akkus sind) auch ausgebaut geladen werden. Damit die Akkus auch bei niedrigen Temperaturen Strom abgeben, gibt es für das El Bauanleitungen für eine Batterie-Heizung. Die hat mein Vorbesitzer auch eingebaut. Ebenfalls eingebaut – um die Reichweite spürbar zu erhöhen – hat er auch noch einen Dieselgenerator in den Kofferraum und dafür die Haube durchbohrt. Das teure Stück hat er allerdings vor der letzten Außerbetriebsetzung wieder entfernt.

Fazit

Durch das Versagen am Berg bin ich auf 10 km Strecke hier in der Umgebung genauso schnell wie mit meinem Pedelec. Ich finde nur einen Vorteil an diesem Fahrzeug gegenüber einem Pedelec, der die Haltung und den Betrieb rechtfertigte: ich bleibe trocken.

Und für 6.000 € Elektro-Auto-Prämie kann ich mir das Auto und die Batterien locker leisten. Ach so, die 6.000 € zahlt die Bundesregierung für ein neues E-Auto – und das hier ist schon 30 Jahre alt.

Lähmung seit 30 Jahren. Leider ist für ein H-Kennzeichen nur baujahrgemäßes Tuning erlaubt. So schade, ich wäre so gerne stärker motorisiert mit einem „DIESES E-AUTO GIBT ES SCHON SEIT 30 JAHREN, IHR IGNORANTEN“-Nummernschild rumgefahren – aber nicht ohne Tuning hier im Bergischen Land –

denn es gibt ja noch Hoffnung: die 72-Volt-Version – oder die 48-Volt-China-Komplett-Version … mit Motor, Controller, Getriebe, Achse und Radnaben – für ein Bruchteil des Preises eines in Deutschland vertriebenen einzelnen Motors.

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