Interview Axel (56)

Extrem chices Liegerad

Velo-V EMO 14-2 – 250W-Scheibenläufer mit 400W Spitzenleistung

Ich hab dieses Rad gesehen, das mit der aufgedoppelten Hinterradfelge, was hängt da denn für ein Motor dran?

Das ist ein Heinzmann-Scheibenläufer. Heinzmann waren mit die Ersten, die dann auch in Fahrrad-Motoren gemacht hatten. Anders als für Drehstrommotoren waren nicht mehr solche großen Siemens-Schaltschränke für die Ansteuerung nötig, und die Heinzmann Scheibenläufer-Gleichstrommotoren – aus der Medizintechnik – hatten einen vernünftigen Wirkungsgrad, denn darauf kommt es an.

Erzähl mal, dein Team hat 1993 die Solarmobil-Meisterschaft gewonnen

Ja, in der Kategorie der Prototypen – da war Mittreten erlaubt. Das war ein dreirädriges Liegerad, denn die Batterien waren so schwer. Das wog 100kg und dann kam noch der Fahrer dazu. Das lag wie ein Brett auf der Straße. 10 Motorradbatterien in Reihe, für deren 120 V Gleichspannung es eine passende Ansteuerung für einen 1 kW Synchron-Drehstrommotor gab.
Den 2. Preis haben wir 1996 auf der extra energy solar race 96 mit einem Liegezweirad gemacht. Da waren Flugzeugbatterien mit flüssiger Kalilauge eingebaut. Die hatten wir ganz wild noch bei der Lufthansa organisiert und mussten sie nach dem Rennen schnell zurückbringen.

Was waren da für Leute, wie kann ich mir das vorstellen?

Schweizer, die zuviel Geld hatten und ambitionierte Bastler. Denn die Komponenten kosten Geld – ein Laderegler kostet schon mal 1.000 DM. Ich habe die Ladegeräte selbst gebaut. Also die für die Batterien. Einmal hatte ich für ein Rennen NiCd-Akkus aufgeladen, ohne eine Ladeschlußspannung zu konfigurieren. Das Akkupack ist abgebrannt. Das lehnte neben einem Transporter und wir waren noch mal losgezogen um uns was anderes anschauen – und auf einmal war da helle Aufregung. Seitdem habe ich Respekt vor der ganzen Batterietechnik. Wir haben das von ’91 bis ’99 gemacht. Aber ich hab mir die wirtschaftliche Seite dazu angeschaut – und wenn ich als Hersteller Produkthaftung für die Basteleien übernehmen muss, bei Materialkosten von über 1.500 DM, was habe ich da für eine Umsatzerwartung? Ist doch illusorisch für zwischen 1.500 und 2.000 DM solch schwere und teure Produkte anzubieten. Und NiCd-Akkus waren wenig robust, also nicht zyklenfest. Umsatz kannst Du ja nur durch Masse generieren und da waren die großen Fahrradhersteller in der Lage einfach billiger zu produzieren.
Da schreib ich jetzt lieber Windowsprogramme in C++. Das ist mir als Selbstständiger zu viel Risiko gewesen.

Das war ja vor der ganzen Internetzeit. Wie bist du an die ganzen Informationen gekommen?
Recherche von zu Hause aus. Telefonisch Kataloge bestellen, Stapel von Katalogen. Listen von Herstellern für die verschiedensten Komponenten gab es damals schon vom Solarmobilverein Erlangen. Die waren früh dabei. Und bei den Motoren, nachschauen, was die für Leistungskurven haben und vergleichen.
Nach langen Recherchen – ohne Internet! – entschied ich mich für einen 1kW Drehstrom-Synchronmotor mit einer 4-Quadranten Motorsteuerung für den industriellen Einsatz – die gab es neuerdings im Format einer Doppeleuropakarte, vor 1990 benötigte man dafür eben noch kiloschwere Siemens-Schaltschränke.

Die auf dem Liegerad verbauten Solarzellen konnten auch während der Fahrt die zehn in Reihe geschaltete Motorradbatterien über einen „Maximum-Powertracker“ von Brusa aufladen – ein Wandler-Wunder mit 99% Wirkungsgrad, dieser wandelt Spannungen aus einem weiten Bereich, findet bei Speisung aus Solarmodulen den Punkt maximaler Leistung, und hinten kommt eine definierte, hohe Ausgangsspannung zum Laden der Batterien raus. Kostete 1.200 DM.
Zukauf war auf jeden Fall billiger. Als Beispiel so ein Gasgriff – machst du da was mit einem Seilzug und einem Poti oder nimmst du direkt den käuflichen Drehgriff mit eingebautem Poti? Es sind hochtechnisierte Produkte.
Das Solarmobil war ja eher eine Machbarkeitsstudie. Wie energiesparend kann so etwas sein – vor allem durch Leichtbau und effiziente Technik?! Die Alltagstauglichkeit stand da nicht so im Vordergrund.

Habt ihr euch sponsorn lassen?

Ich hab mal bei dieser Bank angerufen „Wir machen den Weg frei“ – die warben grade mit einem Solarmobil, aber der Werbeauftrag war ja an eine Marketingfirma gegeben worden, die Bank selber hatte für „Wegfreimacher“ kein Budget und dann ist das ganze im Sande verlaufen. Ich bin kein Marketingmann. Leute bequatschen, um an Geld zu kommen gehört nicht zu meinen Stärken und führt auch nur zu neuen Abhängigkeiten.
Das war schon eher ein Weg, sich finanziell zu ruinieren. Es gab damals viele engagierte Hobbyisten, die sich reichlich ruiniert haben. Lehrreich. Ich weiß jetzt eben auch besser, was ich nicht kann und will und bin daher wieder zufriedener mit einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis.


Wie seid ihr zu den Rennen gekommen?

Nach zwei Jahren Entwicklung hatten wir ein funktionsfähiges Solarmobil. 1,2m breit – passte auf einen kleinen Anhänger, der hing dann an einer Charleston-Ente.

Hast du davon Bilder?

Ne, damals hatte ich noch keine Digitalkamera. Wir selber waren nicht die Fotoheinis.
Also: Hänger an die Ente, 40kg Batterien im Dreirad auf dem Hänger, aber die Krönung am Dreirad war ja noch die stufenlos verstellbare Keilriemenscheibe, um den Motor immer im Optimum drehen zu lassen. Obwohl der Drehstrommotor von nahezu 0 Umdrehungen an sofort 90% Wirkungsgrad bot – der ist im Betrieb ja nicht mal handwarm geworden – wollten wir das Drehmoment stufenlos sowohl bei niedrigen Geschwindigkeiten am Berg, als auch bei hohen in der Ebene nutzen.

Rekuperation?
Klar, vier Quadranten. Vorwärts, vorwärts mit Rekuperation, rückwärts, rückwärts mit Rekuperation. Man hätte also rückwärts bergab die Akkus aufladen können. Aber für effektive Rekuperation musst du ja schon ’ne längere Gefällestrecke haben, sonst verarschst du nur deine teure Ladekontrolle. Diese bilanziert zwar brav die Ströme, die in die Akkus rein- und rausfliessen, aber die Chemie in den Akkus muss sich erst umbauen und anpassen, sonst lädt die Batterie nicht, sondern wird einfach nur warm.

Der Motor hängt dauernd drin?
Dauereingriff – Kraftschluss in beide Richtungen. Als wir damit zum ersten Mal am Steinbecker Bahnhofsgelände – noch ohne OBI und Akzenta – rumgefahren sind – das hat richtig Spaß gemacht! Da ist richtig Saft dahinter.

War Wuppertal Inspiration zu einem solchen Fahrzeug?

Ne, in den 1990igern sah man deutlich weniger Fahrräder als jetzt. Das war eine rein private Initiative, die sich aus dieser Paarung Rahmenbauer-Physiker ergab. Kein Netzwerk – keine dritten Beteiligten. Es war eine persönliche Spinnerei von uns beiden. Zur Topografie hat Hans-Arnold nur gesagt: Der Feind des Zweiradfahrers ist der Wind, nicht der Berg.

Fährst Du denn heute ein Pedelec?

Dafür reicht mein Umweltgewissen nicht aus. Ich fahr mit dem Auto zur Arbeit. Zurück muss ich ja einen Berg hoch. Als Fahrradfahrer bist du zwar an der Luft und im Leben, hast auch einen ganz anderen Blick für Fußgänger. Aber ich bin bequem geworden und genieße meine Ruhe in der Blechdose – manchmal auch ohne Ruhe – dafür mit Scorpions!
Also: Ein Tesla wäre noch mein Traum von elektrischer Fortbewegung -mit der Beschleunigungsstufe „von Sinnen“ – aber ab 70.000 Dollar!!!

Mann auf Liegerad mit kurzen Hosen zwischen Solarmobilen mit Solarzellen-Bedeckung

Mein Interview-Partner Axel Temmink am Start

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