Interview Kathrin (60)

Kathrin lebt zentral in Unterbarmen im Mehrfamilienhaus. Sie arbeitet Teilzeit im Schichtdienst. Der Weg zur Arbeit wird immer mit dem Pedelec oder Fahrrad bestritten. Ihr Mann ist gehbehindert  und die vier Kinder sind schon aus dem Haus.

Wann hast du dir erstmals überlegt ein Pedelec zu kaufen?
Das ist noch nicht allzu lange her – vielleicht ein Jahr. Ich hab was gesucht, damit mein Mann bei meinem Tourentempo mitkommt, und ich nicht immer auf ihn warten muss.

Gab es so etwas wie einen Schlüsselmoment?
Im November, als mein Fahrradhändler, bei dem ich mein Fahrrad warten lasse, die „Vorjahresmodelle“ mit Rabatt angeboten hat. Da habe ich zugeschlagen.

Also eigentlich für deinen Mann?
Mir war das anfangs peinlich. Ich, auf einem Pedelec?!

Und dann seid ihr gemeinsam auf Tour?
Ja, und ich musste nicht mehr auf ihn warten! Wir sind zusammen die erste Tour gefahren, in Neviges hab ich gesagt, dass wir jetzt mit dem Zug zurückfahren. „Kannst du ruhig machen, ich fahr mit dem hier zurück. Ich bin glücklich mit dem Teil“, war seine Antwort.

Was sind die bisher positivsten Erfahrungen mit dem Pedelec?
Insgesamt super: Die Fahrten zur Arbeit; die Versorgungsfahrten, also Einkaufen mit schweren Taschen, Altpapier und Altglas zum Recyclinghof. Und von der Arbeit bin ich schneller zu Hause. Eine Stunde für 25 km – nach 21:00h sind die Verbindungen im ÖPNV nicht mehr so gut.

Und die negativen?
Es ist schwerer. Stichwort: Bahnhof und Aufzug! Und man wird als „nicht richtiger Radfahrer“ angesehen.

Wo parkst du in der Regel dein Pedelec?
Im Keller. Das ist blöd und eng und eine steile Treppe. Irgendwann haut es mich noch mal runter und dann lieg ich drunter. Aber auf der Straße würde ich es nicht abstellen wollen, nicht dass es geklaut würde, dafür habe ich ordentliche Schlösser, sondern dass es beschädigt würde.
Vielleicht miete ich noch eine Garage, aber das ist alles so eng hier. Oder ich stell mir so einen Auto-Anhänger mit Werbung auf den Parkstreifen und tu es darein. Anhängerabstellen ist doch wohl erlaubt, oder?

Wie häufig lädst du dein Pedelec?
Nach jeder Fahrt. Vielleicht fahre ich ja morgen einen Umweg zur Arbeit.

Mit welcher Unterstützungsstufe fährst du hauptsächlich?
Immer nur (1) – die geringste. In der Ebene schalte ich oft aus. Gut, wenn es bergauf geht oder Gegenwind: (2) die Oberbergische hoch. Ich hab nur 3 Stufen.

Fährt sonst noch jemand aus deinem Haushalt ein Pedelec?
Mein Mann.

Welche Schulnote würdest du deinem Pedelec geben?
1. Mir fehlt nichts. Kein popeliger Akku, kein spirreliger Ständer, prima Scheinwerfern und Gepäckträger, insgesamt solide gebaut. Oberklasse-Gerät.

Was sind die wichtigsten Gründe, das Pedelec zu nutzen?
Ich fühle mich sicherer, grade im Stadtverkehr beim Anfahren.  Da schwimme ich eher mit.

Wann lässt du denn dein Pedelec stehen?
Für Fahrradtouren, im Urlaub und immer wenn nicht viel zu transportieren ist, und wenn ich eine ADFC-Tour leite, nehme ich mein Fahrrad.

Welche Faktoren müssten sich ändern, damit du dein Pedelec noch häufiger im Alltag nutzt?
Vernünftige Abstellmöglichkeiten. Die Radwege sollten breiter sein. Wenn so ein Gehweg mit „Fahrrad frei“ ausgeschildert ist, nehme ich immer die Fahrbahn.

Bist du ein typischer Pedelec-Nutzer?
Ja, ich bin ein typischer Pedelec-Nutzer, ich nehme es, um es mir leichter zu machen mit dem Transport. Sachen in und aus dem Kleingarten zu holen, schneller zu sein. Zum Beispiel fahre ich regelmäßige nach Dortmund und natürlich zur Arbeit.

Nach Dortmund? Quer durch Hagen?
Oh, ich kenne da eine Strecke, das ist meine Lieblingsstrecke entlang von Feldern und Pferdewiesen und auf alten Bahntrassen direkt in die Dortmunder Innenstadt!

Wie sieht denn der typische Pedelec-Nutzer aus?
Die älteren … kann daran liegen, dass der Anschaffungspreis so hoch ist – für ein Vernünftiges. Und mit vielen Kindern und nur einem Einkommen hätte ich mir das früher nicht leisten können. Achja, es gibt noch die Jungs auf den Elektro-Mountain-Bikes …

Glaubst du, dass das Thema Sicherheit im Zusammenhang mit Pedelecs eine besondere Rolle spielt?
Das Rad wird 2x im Jahr gewartet. Ich kann das auch gar nicht.

Wie, du kannst das gar nicht? Kein Flickzeug dabei?
Flickzeug? Der ÖPNV ist hier soweit gut ausgebaut, dass wenn ich alleine liegenbleibe, ich die Bahn oder den Bus nehmen kann.

Wo sind denn die größsten Veränderungen?
Ich fahre noch mehr. Die ganzen Versorgungsfahrten, die hätte ich früher mit dem Auto gemacht. Das Auto wird eher in Frage gestellt.

Oh, ja. Apropos in Frage stellen – wie sieht das aus mit CarSharing?
Das hab ich mal gemacht. Da bezahle ich auf der Arbeit das Parkhaus bei meinem Arbeitsplatz. Ist doch doof. Und dann kostet das stundenweise. Mietwagen hab ich mal genutzt.

Und was hast du jetzt für ein Auto zur Verfügung?
Einen Corsa, den mit dem Fahrradträger untendrunter zum Reinschieben. Den brauchen wir aber nur im Urlaub.

Welches Verkehrsmittel würdest du am meisten vermissen, wenn du es nicht mehr zur Verfügung hättest?
Mein Fahrrad!
Ich bin einfach glücklich auf dem Fahrrad. So ein Tag ohne Fahrrad, da fehlt mir richtig was.

Das wäre ja jetzt die letzte Frage gewesen, aber mich interessiert noch, ob du immer schon in Wuppertal gelebt hast.
Ich bin mit 30 nach Wuppertal gezogen.

Und dann bist du zum ADFC?
Ja, ich wollte weiter Fahrrad fahren. In einer Gruppe fühlte ich mich vor 30 Jahren einfach sicherer. Da gab es hier noch keine Fahrradwege und keine Beschilderung. Und ich hatte nur ein Fahrrad mit 3-Gang-Schaltung. Nacher eines mit 5-Gang und war stolz, dass ich es damit alleine zu den Treffpunkten geschafft hatte.

Waren die damals auch schon alle älter?
Ja. Damals war ich auf den Touren die einzige mit Kind. Ich habe den 6jährigen einfach mitgenommen und er ist auch die kürzeren Touren auf seinem Fahrrad gefahren.

Kind auf Fahrrad ist hier ja auch eher selten zu sehen.
Für mich ist das Fahrrad für ein Kind selbstverständlich. Aber hier in Wuppertal können viele gar nicht Fahrrad fahren. Also Erwachsene. Die haben es nicht gelernt. Ob Kinderräder damals zu teuer waren?

Oder ist Fahrradfahren in Wuppertal einfach nicht denkbar gewesen?
Nicht denkbar. Wenn… Ich war zufällig bei einer Ortsbegehung mit Polizei, Vertretern der Stadt, der Bezirksvertretung und auch Frank ter Veld dabei, was der eine von der Bezirksvertretung da für dumme Biertischargumente vorgebracht hat, das habe ich 5 Minuten ausgehalten und bin weiter.
Bei den freizugebenen Einbahnstraßen schreibe ich auch an die Stadt – Da soll ich zur Nordbahntrasse bergauf gegen die Einbahnstraße auf dem Gehweg schieben, mit Enkel an der Hand – und dann ist der zugeparkt!? Aber die Autos stehen nicht mit zwei Rädern auf dem Gehweg sondern mit allen vieren?!

Brauchst du noch ’ne Zahl?
???
12.500 km im letzten Jahr.

Kathrin kam zum unserem Treffen nicht mit dem Pedelec,
weil „es ja nur einmal die Nordbahntrasse runter war“

 

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