Der Eigensinn einer Stadt

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Inzwischen habe ich den Menschen kennengelernt, der hier sein Rad immer abstellt. Das 3-Gang-Rad gehört einer Frau, die regelmäßig mit der S-Bahn nach Essen pendelt und in der Siedlung an der Waldkampfbahn wohnt.

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„Ach, Waldkampfbahn – das ist doch für Wuppertal nur ein Hügel – das mach ich mit meinem 3-Gang-Rad.“
Erlanger steigen bei so etwas ab und schieben.

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Der Weg über die Holthauser Heide ist jetzt wunderbar schlaglochfrei – das neue Solarpanel an dem neuen grünen Kasten dort nicht.

Der Eigensinn einer Stadt – ein faszinierender Begriff – Stadt entsteht durch Interaktion von Menschen – Menschen schaffen sich ihren Lebensraum. Und dieser Eigensinn wird tradiert – so Lietzmann auf der Veranstaltung Transformationstandem. Und ich dachte an die Leute, die in Wuppertal in ihrer Facebook-Echokammer sitzen und nicht verstehen, dass die Rezepte, die sie mit dem Rest der Welt austauschen, hier nicht funktionieren.

Eine gute Geschichte muss erzählt werden. Eine Geschichte, die authentisch ist, die mitreißend ist, die nicht bevormundend daher kommt. Ein Geschichte, die die Utopie nahe bringen kann, ohne aufdringlich zu wirken. Eine Geschichte, in der die Protagonisten nicht Forderungen stellen, mit denen sie andere zu Vorleistungen drängen wollen. Eine Geschichte, in der der lokale Bezug hergestellt ist, in der sich die Zuhörenden wiederfinden können.

Sicherlich ist der Ausbau einer Infrastruktur, die Mobilität jenseits des Autos in Wuppertal ermöglicht, wünschenswert. Aber was ist realistisch? Braucht es in nächsten Schritt nach der Eröffnung der Nordbahntrasse eine weitere Ost-West-Verbindung auf Umweltspuren auf der Hauptverkehrsader im Tal, der Bundesstraße 7? Läßt sich das realistisch einfordern, wenn ich als Radfahrender morgens auf 15 Kilometern Fahrt 7 Fahrräder und 2.053 Autos sehe?

Davon jeweils nur ein Bruchteil in Bewegung. Die Stadt ist voll von Autos. Warum? Weil es bequem ist und weil es alle machen. Und weil die Karre knietief im Dreck steht. Supermärkte bauen neue Niederlassungen nur noch mit großem Parkplatz und ziehen sich ansonsten aus den ehemaligen Einkaufsstraßen zurück – sorry, aber der Einwand, dass Fahrradfahrende ja mehr Umsatz brächten als Autolenkende, kann in den Außenbezirken nur wie Hohn wirken. Wer einmal im Auto sitzt, dem ist es egal, ob der Laden 5km oder 7km entfernt ist. Hauptsache, der Parkplatz davor ist groß genug, dass auf jeden Fall ein Platz zum Abstellen des Autos davor gefunden werden kann.

Hat jemand schon nachvollzogen, ob wirklich 10 Fahrräder Platz auf der Fläche von einem PKW abgestellt werden können? Ich sage, dass das eine hakelige Sache ist. Aber es klingt gut, und ist schnell retweeted – wobei ich bei meiner nächsten Windmühle bin, gegen die ich kämpfe: einmal bitte Transferleistung erbringen! Volksentscheid Rad – ja, super – in Berlin. Da stehen die Häuser wirklich so weit auseinander, dass die Forderung nach 2m Ein-Richtungs-Radweg jetzt nicht völlig aus der Luft gegriffen wirkt  – äh – wo lebe ich? In einem schmalen Flusstal namens Wuppertal? Und die Straßen sind nicht nur schmal, sondern weisen auch ein Gefälle auf? Und 60% der Wege werden mit dem Auto zurückgelegt und nicht 30% wie in Berlin? Verdammt: Autos prägen diese Stadt, die Straßen, die Freiräume, die Menschen.

Ein Wiener Besucher der Veranstaltung „Bürgerbeteiligung für eine zukunftsfähige Mobilitätskultur in Wuppertal“ brachte es auf den Punkt: Im Gegensatz zu Wien ist die Aufenthaltsqualität auf Wuppertaler Straßen im eigenen Auto am höchsten.

Die Frage, die offenblieb war: Wollen Wuppertaler eine Verkehrswende haben?

Elektrisch unterstützt macht es auf jeden Fall mir mehr Spaß Fahrrad zu fahren, als wenn ich auf den Zusatzantrieb verzichte. Aber auch das Puritanische, Calvinistische gehört zum Eigensinn dieser Stadt.

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