Interview Till (36)

Till wohnt mit seiner Frau und Tochter nur 1km, aber 35 Höhenmeter von seiner Arbeitsstätte entfernt. Die Kindertagesstätte der Tochter – 1km Entfernung in die andere Richtung – liegt wiederum 25 Höhenmeter oberhalb.

Wann hast du dir das erste Mal überlegt, dir ein Pedelec zu kaufen?
In dem Moment, als ich mich draufgesetzt habe. Meine Eltern haben sich 2012 welche gekauft. Für mich war das aber damals unerschwinglich teuer. Mit dem Berufseintritt und als feststand, dass ich in Wuppertal wohnen bleiben werde, hat sich die Planung konkretisieren können.

Pedelecs sind für mich der Schlüssel, um das Fahrradfahren in Wuppertal so wie in anderen Städten zu ermöglichen und ich bin stets fasziniert, wie die hiesigen Berge dabei ihren Schrecken verlieren.

Sag mal, ich mache jetzt seit einer Weile Interviews, bei dir kann ich das erste Mal mitschreiben und muss keine Füllworte rauswerfen, woher kommt das?
Ich nutze mein Smartphone für Voice-Memos und kommuniziere auch mit ihnen.

Ok, wie hast du die Planung dann konkretisiert?
Durch Recherchen im Internet und einem Arbeitskollegen, der mir Link-Tipps zu Zeitungsartikeln, Herstellern und Händlern empfahl. Im Sommer 2014 habe ich einen Gutschein zum Geburtstag geschenkt bekommen über 50€, wofür wir zwei Räder – ein Pedelec und ein E-Bike – über ein Wochenende leihen und testen konnten. Danach stand mein Kaufentschluss fest.

Und wann hast du es dann gekauft?
Circa ein halbes Jahr später. Ich habe mehrere örtliche Händler abgeklappert und mehrere Testfahrten mit unterschiedlichen Marken und vor allem mit Belastung gemacht. Denn es ging um die Entscheidung, ob ich mir einen Tiefeinsteiger kaufen soll. Ein Händler meinte Tiefeinsteiger seien ein „no go“, wenn ich einen Sitz samt Kind auf dem Gepäckträger transportieren wolle. Um das zu beweisen lud er mir einen halben Sack „Rotband“ (Anmerkung; 20kg Gips) hinten auf. Das war wirklich instabil. Der Händler wiederum, wo ich dann letztlich ein Tiefeinsteiger-Modell gekauft habe, konnte mir das Gegenteil beweisen, nämlich dass seine Modelle aufgrund einer besonderen Verstärkung des Rahmens trotzdem geeignet seien. Weil kein „Rotband“ zur Hand war haben und auch nach händeringender Suche keine vergleichbaren Gewichte im Laden gefunden werden konnten, haben wir Gepäcktaschen montiert und mit Wasserflaschen aus meinem Auto gefüllt. Die Beratung  – beider Händler! – war sehr wichtig und hat mich überzeugt.

Was ist das positivste Erlebnis mit dem Pedelec?
Wie gesagt, in Wuppertal oder im Bergischen bequem Fahradfahren zu können ist absolut faszinierend. Das urbane Zentrum liegt luftlinienmäßig ganz nah am Grünen. Dass da eine ganze Menge Höhenmeter dazwischen liegen, sieht man nicht. Wenn ich von Wuppertal in Richtung Schloß Burg fahre – quer durch das Bergische Land, einen Hügel nach dem anderen, dahin wo man sonst nur mit der Autobahn kommt, da ist pure Natur. Ins Umland von Wuppertal komme ich mit einem normalen Fahrrad gar nicht. Höchstens bis ins Gelpetal und zurück, danach bin ich platt. Das ist schade, weil die Strecke nur im Wald – also im Schatten verläuft. Auf einer Strecke mit dem Pedelec habe ich einfach mehr Abwechslung. Tannenwald, einen kleinen Bachlauf, Wiesen… einmal bin ich ich einfach so bis an den Rhein.

Negatives?
Ich habe kein Dach überm Kopf. Und beim Getränkeeinkauf brauche ich für die Kisten ein Auto. Außerdem Probleme mit der Technik. Wir haben jetzt drei Kalkhoff-Räder in der Familie und zwei davon hatten schon einen Motorschaden – einmal nach 200 km und beim anderen nach 1.500 km. Das Fahren wurde schleichend schwergängiger. Den Fehler am Rad meiner Frau habe ich erst bemerkt, als ich die baugleichen Räder abwechselnd fuhr. Ich war zu faul den Kindersitz von meinem Rad immer wieder abzubauen, also bin ich mit dem Rad meiner Frau zur Kita. Der kleine steile Fusspfad zur Kita übrigens ist jeder morgen wiederum ein positives Erlebnis. Ich kann direkt vor die Tür fahren, andere Eltern müssen einen einen riesigen Bogen machen und oberhalb auf dem Parkplatz halten.

Wo parkst du das Pedelec?
Nachts in der Garage angeschlossen. Die Versicherung fordert einen Ankettung an einen am Boden befestigten Gegenstand. Sonst mit mindestens zwei unterschiedlichen Schlössern, damit sich der Dieb mit mehreren Techniken auseinandersetzen muss.

Wie und wann lädst du deinen Akku?
Ich lade es in der Garage wöchentlich am Wochenende. Der Akku lädt im Rad, das ist praktisch. Kabel rausziehen – losfahren.

Mit welcher Unterstützungsstufe fährst du üblicher Weise?
POWER! VOLLE POWER! Zwischendurch den Test, wie wäre es wohl ohne wäre. Dann ganz schnell wieder POWER rein! Wenn ich mich auf dem Weg nach Hause auspowern möchte, dann schalte ich es ab. Als Workout.

Du lädst selten.
Ich weiss ja, dass ich mein Ziel erreiche. Die Geräte sind viel weiter, als vor 2-3 Jahren, wo man noch bangen musste ob man den Rückweg noch schafft. Der Händler hat mir ein Bergprofil einprogrammiert.
Aber das ärgert mich in der Ebene, dass ich im 7. Gang viel zu leicht trete bei 27km/h.

Wer fährt außer dir in deinem Haushalt Pedelec?
Meine Frau.

Welche Vorstellungen hattest du vor dem Kauf?
Als Ersatz für den Zweitwagen. Als Alltagsvehikel zum Supermarkt, Bäcker und zur Arbeit. Schnell in die Stadt. Am Wochenende Touren mit der Familie.

Entspricht es deinen Erwartungen?
Voll. Und es ist nicht nur ein Luxuskauf, nachdem Motto Männerspielzeug gönnen. Nein, was mich angeht, habe ich meine großspurigen Ankündigungen eingehalten und nutze das Rad täglich statt dem Zweitwagen, den wir inzwischen auch verkauft haben.

Welche Schulnote?
1. Tipp topp super.

Wann bevorzugst du ein anderes Verkehrsmittel?
Notfälle, längere Distanzen, Dinge transportieren – Fahrräder beispielsweise.

Bist du ein typischer Pedelec-Nutzer?
Nein. Ich glaube nicht. Wenn wir am Wochenende Touren machen, drücken wir den Altersdurchschnitt deutlich.
Im Freundeskreis wird man müde angelächelt als Warmduscher. Aber das sind Jungs mit denen ich früher Mountain Bike gefahren bin, das verstößt natürlich gegen den Kodex. Aber die kommen auch nicht aus Wuppertal und haben auch noch nie auf einem Pedelec gesessen – viel Unkenntnis und falscher Stolz.

Sicherheit …
Pedelec ist kein E-Bike. Nö. Mit 27 km/h ist ja nichts, was nicht auch an einem normalen Fahrrad wäre. Aber Wuppertal ist scheißgefährlich, wenn du keine richtigen Bremsen hast.
In Köln, im flachen Land, kann man zur Not auch ohne Bremsseile fahren – wenn man vorrausschauend fährt – das geht hier definitiv nicht.

Ohne Bremsseile?
Meine jetzige Frau hat mir zum Geburtstag ein 300€-Mountain Bike aus dem Supermarkt zum Geburtstag geschenkt. Damals hat sie mehr Geld verdient. Mit dem Rad bin ich in Köln in eine brenzlige Situation gekommen, bremse scharf, und beide Züge reißen. Ich bin froh, dass ich nicht in das Taxi gerauscht bin. Eine Woche bin ich danach ohne Bremsen gefahren.

Mit dem Rad bin ich nach Wuppertal als Student gezogen. Ich habe die Vermieterin nach einem Kellerraum für mein Fahrrad gefragt. Zitat: Das brauchen Sie hier nicht. Das hat hier keiner, der alt genug für einen Führerschein ist.

Trägst du Helm?
Ja – für die Tochter hinten im Kindersitz. Das Verantwortungsgefühl wächst, auch weil die Mutter damit in den Ohren liegt.

Du bist der dritte, den ich interviewe und der einen T4 hat.
T4-Fahrer sind potentiell Camper. So Kompakt-Kombüsen-Denker. Alles dabei haben und ganz schnell wohin und schnell wieder abhauen zu können.

Wo siehst du die größsten Veränderungen?
Ein besseres Gefühl, nicht mehr zwei Autos zu haben. Das war aufgrund der Nähe zur Arbeit nicht recht vertretbar. Und wenn alle Wuppertaler, die in Wuppertal arbeiten, Pedelec führen – das wäre eine total schöne Stadt. Aber nochmal: Das Pedelec an sich ist die größte Veränderung für meinen Alltag im Tal.

Welches Verkehrsmittel würdest du vermissen?
Das Auto. Das ist widersprüchlich, aber wenn es hart auf hart käme – der Radius ist größer. Und ein Roller zum Beispiel, damit habe ich auch Erfahrung, wäre für mich keine Alternative. Immer den scheiß Helm, die Jacke mit Protektoren und Handschuhe mitschleppen. Bei Wind und Wetter außerdem eine sehr rutschige Angelegenheit.

 Till fährt das Modell von 2014

 

 

 

 

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