Interview Ulrike (50) und Roland (48)

Ulrike und Roland leben zusammen auf der Höhe über Vohwinkel. Die vielen Kinder, die sie in ihre Familie eingebracht haben, sind zwischen 17 und 21 und leben teilweise noch zu Hause. Beide arbeiten Teilzeit und pendeln mit den jeweiligen Rädern zu den Arbeitsstätten. Eigentlich hatte ich auf der Straße im Regen ’nur‘ Roland angesprochen, ob er als Pedelec-Fahrer bei einem Interview mitmachen wollte, Ulrike fährt allerdings auch Pedelec und saß mit auf dem Sofa.

Wann hast du dir das erste Mal überlegt ein Pedelec zu kaufen?
(U) In einer Zeitschrift gab es im Oktober 2012 einen Gutschein eines lokalen Fahrradhändlers, ein Wochenende lang ein Pedelec auszuprobieren. Ich war da skeptisch, denn ich hatte mir vor Kurzem erst ein ganz tolles, leichtes Fahrrad gekauft.
(R) Ich bin bis dahin mit dem Rad zum Bahnhof, dann in die S-Bahn nach Solingen-Ohligs, dann wieder mit dem Rad weiter – bis wir eines Tages einen Praktikanten hatten, der zum Arbeitsbeginn um 6:30 die ganze Strecke von Langenfeld mit dem Fahrrad zurückgelegt hatte. Na, wenn der das schafft – wobei die Korkenziehertrasse ist da auch ein echtes Geschenk.

Bist du schon in deiner Jugend Fahrrad gefahren?
(R) Ich hatte ein Bonanza-Rad. Mit angedeuteter Federung, einer Bremse, die nicht funktionierte und dem breiten Stollen-Hinterreifen, damit konnte ich ins Gelände. Was da in den letzten 30 Jahren für eine Fahrrad-Evolution stattgefunden hat, davon hätte ich nicht träumen können.
(U) Mit dem leichten Fahrrad habe ich auch den Berg hier (Anmerkung: 1,5km / 90 Höhenmeter) geschafft.

Ihr seid beide keine Wuppertaler, oder?
(U) Nein, wir kommen beide aus dem Sauerland, Meschede bzw. Lüdenscheid.

Gab es ein Aha-Erlebnis?
(U) Wir sind an dem Wochenende mit den geliehenen Pedelecs durch die Elfringhauser Schweiz gefahren, aber nicht wie üblich unten im Tal sondern Berg hoch – Berg runter – Berg hoch – ich bin geflogen! Das ist Wahnsinn! Was haben wir früher mühselig überlegt und die Touren genau geplant…
(R) Berge überwinden, ohne dass man oben kaputt ankommt. Diese Entfernungen – 50km. Wir kommen mit einem Pedelec wesentlich weiter. Das ist genial. Seit dem Zeitpunkt mache ich alles mit dem Pedelec.
(U) Und ich wäre nie auf die Idee gekommen mal eben nach Vohwinkel den Berg runter zu fahren. Und die Nordbahntrasse ist ein Geschenk, ein Geschenk des Lebens! Jetzt ist es ganz easy zur Arbeit. Freitags, samstags, sonntags bei Sonnenschein … mal eben zur Auer Mühle zum schnabulieren…
(R) Bei den Touren ist sie für das Kartenmaterial zuständig. Ich benutze Navis. Das ist ganz spannend, was man da für neue Wege entdeckt. In Wuppertal braucht man ein Pedelec, sonst kommt man nicht von A nach B.
(U) Aber man möchte auch mal woanders hin.

Du fährst ein S-Pedelec.
(R) Das ist das kostenintensivste Fahrzeug, das ich mir je gekauft habe. Ein vollgefedertes Flyer mit Rohloff-Schaltung. Ich habe noch nie für etwas Neues so viel Geld ausgegeben. Ich habe meinen Bausparvertrag gekündigt, weil ich fand, dass es das sinnvollste Fahrzeug ist, was es gibt. Sonst kaufe ich nur gebrauchte Sachen.
(U) Bei den Autos geben andere ja 5-stellige Summen aus, nur damit sie keinen Stress haben mit den Reparaturen.
(R) Bei dem habe ich jetzt 10 Jahre Garantie auf den Rahmen, 5 auf den Motor – und mit dem Versicherungskennzeichen gleich die Diebstahlsversicherung mit abgedeckt.

Dir reicht das normale 25km/h?
(U) Es muss wirklich Qualität haben. Bei ALDI kaufe ich Lebensmittel, aber keine Fahrräder-
Ich finde, für mich als Frau, ist nicht die zu erreichende Geschwindigkeit wichtig, sondern dass es eine Schiebehilfe gibt. Es gibt im Wald Stellen, da sind Wurzeln, da muss ich schieben. Das ist anstrengend. Wobei für mich das Anstrengendste der Bahnhof in Vohwinkel ist. Diese Treppen, wenn ich alleine unterwegs bin, muss ich immer warten, bis mir jemand helfen kann. Der Bahnhof ist frisch saniert und es gibt weder für Rollstühle, Kinderwagen noch für Fahrräder Rampen. Da haben die Planer echt gepennt. Katastrophale Sanierung.
(R) Die Bahn ist ohnehin relativ ignorant dem Fahrrad gegenüber. ICE geht schon mal gar nicht. Wenn ich nach Würzburg möchte mit Fahrrad, muss ich mitternachts vorm Rechner sein, denn sobald der Sparpreis für die gewünschte Fahrt verfügbar ist, muss ich sofort den Fahrradplatz mitbuchen. Sonst ist der weg.

Wieso hast du dich für genau das Pedelec entschieden?
(R) Ich hab mich draufgesetzt und mich noch nie so sicher auf einem Fahrrad gefühlt. Das Setup ist genial. Meinen ersten Kontakt hatte ich mit einem BionX, aber ich bin eher so der Cruiser. Und die NuVinci Harmony war es auch irgendwie nicht.
(U) Genial finde ich die vielen Einstellmöglichkeiten. Ich kann nach meiner Tagesform entscheiden, wie ich unterstützt werden möchte. Ob ich schnell zu Arbeit, oder am Wochenende fahre. Die Leute, die am Straßenrand stehen und „Ach, sie haben ja einen Elektromotor“ sagen, wissen ja gar nicht, ob ich mich habe unterstützen lassen.

Wo parkst du dein Pedelec?
(R) In der Garage.

Und laden?
(R) In der Garage. Das ist unsere Fahrradwerkstatt. Ich lade immer nach, dann muss ich mir keine Gedanken machen. Als du mich angehalten hast, war ich morgens zur Arbeit nach Solingen-Ohligs gefahren, dann nach Wülfrath zur Ergo-Therapie und war grade auf dem Weg zurück nach Hause in Vohwinkel.

Du bist vorher ja mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren und fährst jetzt Pedelec, hast du von der Muskulatur her abgebaut?
(R) Tja, schwer zu sagen, es ist was passiert, aber ich fahre jetzt viel häufiger, das kompensiert.

Welche Note gibt es für die Alltagstauglichkeit deines Pedelecs?
(U) 1- wegen der fehlenden Schiebehilfe, insgesamt bin ich jetzt 14.000 km drauf gesessen.
(R) Nach 20.000km gibt es ganz klar die 1. Mit der Zeit kommt dann auch das notwendige Equipment dazu … Spikereifen, Regenklamotten …

Bist du ein typischer Pedelec-Nutzer?
(U&R) Wer ist das denn?
(U) „Ich bin noch nicht alt genug dafür“, hört man so. Also ab 60-63? Eigentlich müsste jeder ein Pedelec haben. Es ist ja nicht so, dass da der Motor ist, und man müsste nichts mehr tun. Und in unserem Freundeskreis, die Claudia, die Antje – die haben jetzt auch eins.

Ich weiß ja, dass du Helm trägst. Der hat vorne so einen Bügel vorm Kinn, was ist das für einer?
(R) Das ist ein Slalom-Ski-Helm, damit einem die Stangen nicht ins Gesicht klatschen. Ich arbeite ja auf der Chirugie, und wenn da mal wieder einer mit dem Gesicht gebremst hat…
(U) Könnten wir das Thema wechseln? Helm ist für mich genauso selbstverständlich wie das Anschnallen im Auto.

Wann lässt du dein Pedelec stehen?
(R) Zu offiziellen Anlässen mit bestimmter Garderobe. Abiturfeiern.
(U) Ist ja bald wieder eine.
(R) Oder zu faul. Wenn du weißt, dass du alkoholisiert sein wirst – dafür gibt es dann Mitfahrgelegenheiten, oder Bus oder Taxi.

Was müsste sich verändern, damit du noch häufiger im Pedelec führest?
(U) Baulich der Bahnhof.

Fahrt ihr denn so häufig auf Tour?
(U) Ja, es gibt diesen Dachgeberverband, das sind ganz nette private Kontakte organsiert über den ADFC.

So was wie Airbnb?
(U) Nur kostenlos.
(R) Airbnb machen wir aber auch.

(R) Zurück zur Frage, also wenn die Bahn mehr Kapazitäten anbieten würde. Die Fahrradwege explodieren ja gefühlt seit 15 Jahren.

Was sind die größsten Veränderungen nach dem Kauf des Pedelecs?
(R) Sie denkt jetzt Fahrrad. Jetzt ist es ein Alltagsgegenstand.
(U) Ich musste meinem abreisendem Sohn noch spezielle Schuhe hinterherbringen, der grade auf dem Weg nach Frankreich mit der Bahn war. Ich hab überhaupt nicht überlegt, sondern mich sofort auf mein Pedelec gesetzt und den Berg runter, am Bahnhof habe ich ihn noch gekriegt. Hätte ich auch mit dem Auto machen können. War wahrscheinlich schneller.

Aber fürs Einkaufen schon, oder?
(R) Ich habe so einen kleinen Anhänger, der hat eine Kugelkopfkupplung an der Sattelklemmschraube.

Ähm. Das schaukelt sich doch auf?
(R) Ja, ich habe das mit dem Händer hin und her überlegt, aber mit dem gefederten Hinterbau ist die Lösung die stabilste.

(U) Für die Familieneinkäufe schon. Also Toilettenpapier und so, leih ich mir dann das Auto meines Sohnes. Ich brauch das jetzt nicht mit dem Hänger. Das macht Roland.

Welches Verkehrsmittel würdest du vermissen, wenn du es nicht mehr zur Verfügung hättest?
(U) Das war ja jetzt wohl eine rhetorische Frage.

Für wie sinnvoll haltet ihr Fahrradständer mit Stromanschluss – angedacht zum Beispiel am Zoo?
(U) Sehr sinnvoll! Ich komme schon in die Bredullie, wenn ich den Berg hier vorm Haus mit dem schweren Rad mit leerem Akku hoch müsste. Wenn wir nach Neuss in die Sauna fahren, dann ist das schon wichtig, dass wir da nachladen können. Alle Ausflugsziele wie der Zoo bräuchten so eine Auflademöglichkeit. Das H2O in Remscheid hat auch so welche, das Museum Ludwig in Essen nicht, wegen der vermeidlichen Explosionsgefahr, da haben wir uns noch eine Stunde in ein Café gesetzt.

(R) An einem Tag können wir so schon 100 km fahren, aber eine klassische Tagestour sind so 50-70 km.

 

Roland fährt Flyer, Ulrike auch ein Flyer, aber welches…

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