Interview Bruno (70)

Bruno lebt mit seiner Frau zusammen in der Elberfelder Südstadt in einer Eigentumswohnung und genießt das Leben als Rentner. 20 Jahren nachdem er nach Wuppertal gezogen ist, hat er endlich das Gefühl Kontakt zu den Einheimischen zu haben.

Wann hast du dir erstmals überlegt ein Pedelec zu kaufen?
2008. Ich wurde in der Familie wegen meiner Sperrmüllfahrräder gehänselt. Meine Nichte meinte zu mir, dass ich mir jetzt mal was gönnen sollte. Ich habe dann Kataloge gewälzt und im Internet recherchiert.

2008 gab es ja noch nicht so viele Anbieter…
Eigentlich gab es nur Flyer. Da musste ich mich erst einmal mit dem Preis auseinandersetzen, das war schon ein Sprung ins kalte Wasser.

Wann hast du dir dein erstes Pedelec denn dann gekauft?
Das erste Flyer habe ich für meine Frau gekauft. Als Tarnung: Nicht für mich! Natürlich mit dem Hintergedanken, es unter der Woche zu nutzen. Aber nach dem gemeinsamen Urlaub, bei dem sie das Pedelec hatte und ich ein normales Fahrrad, sind wir auf dem Rückweg noch beim Händler vorbei und haben eines für mich bestellt.

Ihr fahrt Touren im Urlaub?
Richtig lange Touren! Bis dahin an den Flüssen entlang, Main, Altmühl, Donau, aber die Sehenswürdigkeiten stehen ja oben. Mal die Saar-Schleife von oben sehen, das geht mit einem Pedelec. Durch das Flyer bin ich ein richtiger Radler geworden, auch hier in Wuppertal. Jetzt habe ich als Herzkranker auch mal die Chance ins nächste Tal zu gucken. Ich bin letztes Jahr 5.000 km gefahren.

Und im Alltag?
Oh, in Verbindung mit dem Bärenticket ist das wunderbar. Touren nach Essen, Haltern, Dortmund – ich habe dadurch einen riesigen Radius. Leider komme ich nicht bis Köln, das ist ein anderer Verkehrsverbund. Würde ich aber gerne, da habe ich auch lange Zeit gelebt. Ich soll mich viel bewegen, hat mir mein Arzt gesagt, nur bei der Tour de France würde er mich sofort aus dem Rennen nehmen.

Mit dem Fahrrad hin, mit dem Zug zurück?
Das ist manchmal ein Palaver! Da wird man richtig angefeindet. „Warum fahren Sie Zug, wenn Sie ein Elektrofahrrad haben?“ – ist noch harmlos. Wenn ich dann mit den Pöblern anfange zu diskutieren, setzt sich meine Frau immer ein Stückchen weiter in den Wagen.

Angefeindet werden, weil man Pedelec fährt?
„Sie dürfen doch gar nichts sagen, Sie sind doch gar nicht hier hochgefahren!“ hört man von anderen Radfahrern. Ist bestimmt auch Neid dabei. Die, die früher gemeckert haben, haben doch jetzt auch chice Räder.

Wo parkst du dein Pedelec in der Regel?
Guter Punkt. Im Keller – um 10 Ecken rum. Der ADFC Düsseldorf hat jetzt begonnen, Fahrradhäuschen zu organisieren. Also Anträge und Flugblätter für Nachbarn vorzubereiten, so dass man nur 8 Nachbarn mit je einem Fahrrad sein muss, um so ein Häuschen zu finanzieren. Da wo die Telefonzelle stand, da könnte jetzt ein Fahrradhäuschen hin. Das Rad wäre darin versichert, mit Gasdruckfedern das Rad nach oben gezogen – nur – das Ganze kostet € 5.000, was über Monatsmieten wieder eingespielt werden müsste – ich gründe doch keine Firma für das scheiß Häuschen.

Wann lädst du deinen Akku?
Nach jeder Fahrt. Ich weiß ja nicht, wie weit ich bei der nächsten Tour fahre. Da hilft mir auch eine Reichweitenberechnung nichts.

Mit welcher Unterstützungsstufe fährst du?
Mein Schwiegersohn fährt immer mit 100%. Ich fahre auch gerne ohne, und dann je nach Berg – ich habe dann eine Durchschnittsgeschwindigkeit – wenn ich alleine fahre – von 15 bis 16 km/h. Mit mehreren zusammen auch schon mal 20 km/h.

Fährt sonst noch jemand aus deinem Haushalt ein Pedelec?
Meine Frau! Manchmal sind wir zusammen auf Tour – von 10 bis 16h. Für sie war der fehlende Rücktritt ein Hemmnis, aber daran hat sie sich auch gewöhnt. Ich habe ihr vorne eine Scheibenbremse montiert, eine Rollenbremse ist mit den Wuppertaler Bergen überfordert. Die taugen nichts, da bin ich falsch beraten worden.

Du hast die Scheibenbremse eingebaut? Bist du ein Bastler?
Naja, ich habe einen lieben Nachbarn. Ich freue mich darauf, wenn mal was am Fahrrad ist. Dann gehe ich mit mit ihm runter in den Keller um die Räder zu reparieren. Das ist ein Highlight.

Für welche Fahrten hast du dein Pedelec überwiegend eingesetzt?
Für Freizeitfahrten – zu Museen, sight seeing – ich bin dabei alle Haldendenkmäler zu besuchen, da gibt es noch bei Duisburg so eins mit Geleuchte oben drauf, da war ich noch nicht. Ansonsten organisiere ich, da ich aus Essen komme, für den ADFC Wuppertal Touren nach Essen.

Du bist im ADFC Wuppertal?
Ja, aber bloss keine Vereinsarbeit! Ich bin da, wenn der Klaus Lang mich anruft. Was der mit Lorenz Hoffmann-Gaubig zusammen neben der Arbeit und Familie hier ehrenamtlich leistet, wäre zu viel für mich. Ich mache leichte Touren. Zur Neumitgliedergewinnung soll die Latte ja nicht hoch hängen. Viele haben keine Ahnung von der Technik am Fahrrad. Da kracht bei manchen ganz schön die Kette beim Schalten. Und auf so einer Tour fuddele ich dann die abgesprungene Kette wieder raus. Für ein Pedelec reicht eine 7-Gang-Nabenschaltung.

Unter welchen Bedingungen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du dein Pedelec lieber stehen läßt und ein anderes Verkehrsmittel nutzt?
Wenn das Wetter sehr schlecht ist: Hagel. Schnee. Das mit den Spikes brauch ich nicht mehr.

Bist du ein typischer Pedelec-Nutzer?
Klar! Sind viele alte Köppe da drauf.

Glaubst Du, dass das Thema Sicherheit im Zusammenhang mit Pedelecs eine besondere Rolle spielt?
Ein normales Pedelec ist ein Fahrrad. Die 45-km/h-S-Pedelecs, das ist eine andere Welt. Das sind Moppeds. Die sind zum auf die Arbeit fahren.

Gibt es einen finanziellen Vorteil?
Nein, es gibt keinen finanziellen Vorteil im Gegensatz zum Fahrrad. Die Akkus müssten deutlich billiger werden.

Welches Verkehrsmittel würdest Du am meisten vermissen, wenn du es nicht mehr zur Verfügung hättest?
Ich würde das Pedelec vermissen. Ich würde am liebsten nur Pedelec fahren.

 

Bruno fuhr auf der Februar-critical mass Wuppertal ein rotes i:SY

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