Stolz oder Minderwertigkeitskomplex?

Collage von Wahlplakten "Helge Lindh"

„[Die] Zukunft im Blick“ Helge Lindh – Bewerbung zur Wahl in den 19. Deutschen Bundestag am 24. September 2017


Da hängt er nun: der @helgelindh auf meinem Weg zur Arbeit.

Helge kenne ich seit über 30 Jahren. Die ersten 9 davon intensiv, denn er war mein Klassenkamerad auf dem Gymnasium. Da hat sich dann auch eine emotionale Beziehung aufgebaut, durch die ich im ersten Moment der Plakatierung eines sehr textlastigen Plakats im Mai nur „Och Helge“ dachte. Zwischendurch konnte ich mich zwischen Stolz und Minderwertigkeitskomplex nicht entscheiden.

Er ist hochintelligent, integer, belesen, eloquent.

Er war in Schulzeiten intellektuell überfliegend, dass wir anderen uns beim Abitur schon überlegt hatten: Verdammt, was macht er aus seinem Genius? Passt das in irgendeine Schublade? Welches Studium wird er wohl aufnehmen?
Bei anderen war das im Vor- und Nachhinein recht einfach:
Vater promovierter Chemiker: Sohn promovierter Chemiker;
Vater promovierter Jurist: Tochter promovierte Juristin;
Vater türkischer Malocher: Sohn promovierter Mathematiker (ah, Beispiel passt nicht ;-)

Oder doch? Denn es zeigt exemplarisch die Bedeutung von Bildung – ein Thema von Helge, der sich seit 2012 um die politische Bildung in der SPD Wuppertal kümmert.

Das habe ich jetzt seinem veröffentlichen Lebenslauf entnehmen können. Als ich das erste Mal nach vielen Jahren meiner Abwesenheit aus Wuppertal über den Namen „Helge Lindh“ stolperte, war das ausgerechnet er als Vorsitzender des Integrationsbeirates.
Was hat Helge im Integrationsbeirat zu suchen?? Bei den anderen Namen der gewählten Mitglieder ist mir das plausibler, weil sie einen Migrationshintergrund nahe legen – aber was bitte hat Helge da verloren??? Seine Nettomigrationsstrecke ist nur ein Viertel von der, die ich in meinem Leben zurückgelegt habe! Oder hat Integration nichts mit Migration sondern mit Bereitschaft zu tun? Aber wohin eigentlich integrieren, frage ich mich – und Funny van Dannen sich auch einmal.

Schule kann ein Schmelztiegel sein – und durch einen Formfehler haben Helge und ich sogar zusammen Abitur gemacht. In der Unter- und Mittelstufe waren wir die Vertreter der Außenpositionen des Schulnotenspektrums. Er immer mit herausragenden Benotung, ich immer nur kurz vor knapp oder leicht darunter. Nur im Sport kam er auf eine 3 und ich blieb bei der 4. Und als ich mit einem unterirdischen Notenspiegel nicht mit einem blauen Brief vorgewarnt wurde, bin ich entgegen allen Erwartens doch in die Oberstufe versetzt worden…
Seit der Sexta (5. Klasse) war er immer Klassenbester – Einzelkind mit einem ehrgeizigen Elternhaus. Aber das war in der Klasse nichts besonders, aus dieser Schulklasse stammte auch vor 10 Jahren Deutschlands jüngster Finanzvorstand eines DAX-Unternehmens – ebenfalls ein Einzelkind aus ehrgeizigem (und diesmal sogar freistehendem) Elternhaus.
Meinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber meinen Klassenkameraden hatte ich damals schon. Er manifestierte sich damals in dem Spruch „Die Elite und ich“, den ich mir selbst auf ein T-Shirt aufgebügelte und in der Schule trug.

Stolz ist natürlich ein so Gefühl, das daher rührt, dass „es einer von uns geschafft hat“.
Als ich meiner 11-jährigen Tochter beim Erstellen dieses Artikels die Abizeitung mit der Präsentation der einzelnen Absolventen gezeigt habe, hat sie immerhin 3 von den 58 gekannt. Also kann da kaum von uns die Rede sein. Zumal von denen auch nur eine in den Genuss kommen kann, Helge zu direkt wählen. Insgesamt dürfte etwa ein 1/8 der Abschlussklasse noch oder wieder in Wuppertal leben. Und das Vergnügen/ Ehre/ Recht haben Helge die Stimme [nicht] zu geben.

Mitglied des Deutschen Bundestages zu sein ist für mich schon ein erstrebenswerter Zustand. Und dafür aufgestellt zu werden – und sich in die Position dafür gebracht zu haben verdient meine Stolz Minderwertigkeitskomplex Hochachtung.

Am nächsten Sonntag bin ich grade mal Wahlvorsteher in Schöller.

Kinder rennen auf Fahrbahn

„Zukunft im Blick“ – in meiner Version, auch da halte ich es eher wie Funny van Dannen

<update>Herzlichen Glückwunsch, Helge ist in dieser Legislaturperiode MdB. Auch wenn es erstaunlich knapp wurde. Das lokale Blatt witzelte über ein rotes Stofftier mit Wahlgarantie, und der Kandidat der CDU („Sicher“ mit Vornamen auf den Plakaten) schaffte es mit seiner mangelnden Eloquenz bis in den Twitter-Kanal von Extra3. Hätten über 0,9% der Wähler ihr Kreuzchen bei dem CDU-Kandiaten statt bei Helge gemacht, wäre die Wahl anders ausgegangen. Gutes Gelingen in der Opposition! Bis zum nächsten Mal…</update>

4 Gedanken zu „Stolz oder Minderwertigkeitskomplex?

  1. Norbert

    Wer’s nötig hat, sich darüber zu amüsieren, wenn ein Provinz-Politiker in der Aufregung über ein Versprecher stolpert. Wem passiert das nicht mal?

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    1. von mir Beitragsautor

      Mh. Nun, dass er bei Erfolg kein Provinz-Politiker mehr gewesen wäre. Aber der Mensch, der von der FDP in Wuppertal aufgestellt worden ist, musste nicht beim WDR vortanzen und hat es über die Liste in den Bundestag geschafft. Aber dafür hätte man sich auf Twitter ein Bild von ihm machen können..

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      1. Norbert

        Und, das wäre nicht mal politisch relevant, wenn ihm dass regelmäßig passiert. Es war doch klar, was er sagen wollte. Er hat sich nur verhaspelt und dann ging das in der Aufregung völlig schief. Vermutlich würde sich mit der Zeit legen und wenn nicht … *schulterzuck* Auch wenn jemand ein guter Redner ist, sollte das nicht die Bewertung der Inhalte verdrängen. Soetwas zu posten dient nur dem Blosstellen der Person. Welche Information teilt mir das mit? Gar nichts, weil selbst die schausten Schüler bei Referaten nervös werden.

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        1. von mir Beitragsautor

          Mein Bashing von Herrn Spieker hat in dem nachträglich eingefügten Absatz zwei Komponenten: 1. die Beschreibung seines Plakates, in dem nur sein Portrait mit einer Textzeile darunter abgebildet war: Der Text lautete: „Sicher“ 1 cm Deutschlandfahne „Spieker“.
          So wie ich mich über den unterschlagenen Vornamen lustig gemacht habe, der der Hauptaussage seines Wahlkampfes „Sicher“ zum Opfer fiel, hätte ich auch das SPD-Wahlplakat mit der Aufschrift „Damit Thomas und Samira die gleiche Sprache sprechen“ amüsieren können, immerhin kenne ich einen Thomas, dessen Tochter Samira grade Sprechen lernt. Das wäre aber ein Insider gewesen und wirklich nur für den inneren Bekanntenkreis lustig. Also ging es mir darum, mich auf die Kosten von Herrn Spieker, den ich persönlich nicht kenne, der aber eine Person öffentlichen Lebens ist, öffentlich zu belustigen bzw. die auf die Unzulänglichkeit seines Wahlkampfes hinzuweisen. Ich denke nicht, dass wenn ich sagte #fedidwgugl sei ebenfalls unzulänglich, irgendjemand widerspricht.
          Warum fand nur Herr Spieker Resonanz? Weil es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Helge Lindh (SPD) und Rainer Spieker (CDU) war.
          Btw: Auf Twitter habe ich den Finger in der Wunde von Helges Wahlkampf gewürdigt. Helge ist alles, nur nicht cool.

          2. die unsägliche 4-Minuten-Performance im WDR-Fernsehen. Diese wurde von Extra3 (NDR-Satire-Magazin) aufgeschnappt und brutalstmöglich zusammengekürzt. Wer sich in Gefahr begibt, kann darin umkommen. Ich nehme ihn nicht als private Person, sondern als Person öffentlichen Lebens wahr. Das ist keine Bloßstellung gewesen bei der ich einen Filmchen verlinke, das privaten und schützenswerten Inhalt enthält.

          Du kannst jetzt natürlich fragen, warum lese ich das, wenn ich doch nur einen Fahrradblog lesen möchte, was interessiert mich, welcher Politiker grade wie vorgeführt wurde?
          Weil Du einen höchst subjektiven Blog von mir liest. Und glaub mir, ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich die Nummer mit Helge überhaupt bringe – aber er hing nun mal auf meinem Weg zur Arbeit, und somit in meinem Blog-Thema rum.

          Vielen Dank für Deine treue Leserschaft :-)

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